Hacker machen auch vor kleinen Organisationen nicht Halt.
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WAS TUN IM NOTFALL?

Wenn die Rechner nicht mehr hochfahren

Die Wahrscheinlichkeit mag gering sein. Aber auch kleine Gemeinden können Opfer von Hackerangriffen werden. Cybersecurity-Experte Wolfgang Rosenkranz leitet CERT.at, eine Art IT-Kriseninterventionszentrum. Hier erzählt er, was im Fall der Fälle zu tun ist.
von  Wolfgang Rössler , 31. Januar 2023

Vermutlich haben auch Sie, wie die meisten Menschen, noch nie etwas von „Shodan“ gehört. Woher auch? Dabei handelt es sich um ein Internetprogramm, das unter anderem feststellt, wie viele Computer, Server und Router in einer bestimmten Region stehen. Shodan ist auf dem Markt frei erhältlich, es gibt einige legale Anwendungen für den Dienst. Wirklich wichtig ist die Software aber für Hacker, die damit auf der Landkarte ganze Regionen scannen, um herauszufinden, wo es IT-Systeme gibt, die leicht zu knacken sind. Shodan ist eine Art Google für Cyberkriminelle, nur dass die Suchmaschine keine Websites ausspuckt, sondern potenzielle Opfer für Erpressungen.

Man nimmt, was man kriegt

Dass eine kleine Gemeinde gar nicht in der Lage wäre, hohe Lösegeldbeträge zu überweisen, ist wohl auch den meisten Hackern klar. Viele von ihnen haben eine gute Ausbildung: Sie sprechen Fremdsprachen, haben studiert, oft auch ein profundes Wissen über Betriebs- und Volkswirtschaft. Spätestens wenn sie Zugriff auf die Buchhaltung einer Gemeinde haben, können sie recht genau abschätzen, wie viel Lösegeld diese zu zahlen imstande wäre. Auch wenn das nur ein paar tausend Euro sind: Die Summe der einzelnen Einbrüche macht es aus. Die Suche nach Opfern läuft weitgehend automatisch, ebenso die ersten Schritte des Einbruchs in ein fremdes Netz. Die Cyberkriminellen nehmen, was sie kriegen.

„Es kann jeden erwischen“, sagt Wolfgang Rosenkranz, Leiter des Computer Emergency Response Team Austria (CERT.at), einer Art Kriseninterventionsteam bei Notfällen im Zusammenhang mit Cybersecurity. Das CERT ist eine Art Blaulichtorganisation für die digitale Welt, die im Ernstfall mit Rat und Tat zur Seite steht. Und es sind keineswegs immer IT-Chefs riesiger Firmen, die verzweifelt bei Rosenkranz und seinem Team anrufen. „Natürlich rechnet sich der Aufwand bei größeren Zielen eher. Aber es gibt genügend Kriminelle, die den Rest nehmen – auch wenn dort nur ein paar hundert Euro rausspringen“, sagt Rosenkranz.

Niemand ist "zu klein"

„Wir sind zu klein, uns greift ohnehin keiner an“: Wenn Rosenkranz solche Aussagen hört, schüttelt er heftig den Kopf. Seine Antwort: „Das stimmt nicht und das hat noch nie gestimmt. Es ist naiv zu glauben, dass man nicht erwischt wird, weil man zu klein ist.“ Was aber, wenn es so weit ist? Welche Schritte sind dann zu unternehmen? Und: Wie kann man sich als Gemeinde bestmöglich wappnen? Darüber haben wir uns mit dem Cyber-Experten unterhalten.

Es ist naiv zu glauben, man werde nicht erwischt, weil man zu klein ist.

Wolfgang Rosenkranz, CERT.at

Ein Notfallplan für die Schublade

Wie bei jeder unvorhersehbaren Katastrophe empfiehlt es sich, auch für Hackerangriffe einen Notfallplan aus Papier in der Schublade zu haben – und wenn es nur eine A4-Seite ist. Darauf sollten die wichtigsten Telefonnummern der Gemeinde stehen und die Kontaktadresse eines auf Cyberkriminalität spezialisierten IT-Experten. Davon gibt es inzwischen durchaus genug, aber man muss die Guten finden. Oft geschehen Hackerangriffe am Wochenende oder an Feiertagen – gerade weil es dann besonders schwer ist, Spezialisten zu erreichen. Ganz abgesehen davon, dass man in solchen Situationen kaum in der Lage ist, über den Preis zu verhandeln: So kann eine Stunde Arbeit bald einige hundert Euro kosten. Es lohnt sich auf jeden Fall, vorsorglich Angebote einzuholen und zu vergleichen.

 

Wenn dieses Bild am Monitor erscheint, gilt es Ruhe zu bewahren.

Ruhe bewahren

Es mag einfacher klingen, als es ist: Aber das Wichtigste nach einem Hackerangriff ist es, die Ruhe zu bewahren und nicht in Panik auszubrechen. Was geschehen ist, ist geschehen: Auf den Monitoren erscheint eine Mitteilung von den Hackern oder die Rechner lassen sich gar nicht mehr hochfahren. Nun gilt es, ruhig zu bleiben, um das Gröbste abzuwenden. Das heißt auch: Finger weg von den Computern, hier können Sie nichts ausrichten. Jetzt müssen Profis ran.

Hilfe holen

Wenn der IT-Beauftragte der Gemeinde informiert ist, sollte der Anruf einem Spezialisten für Cybercrime gelten. Es ist wichtig dass die beiden sich austauschen: Das Wissen um die besonderen Eigenheiten des kommunalen IT-Systems kann entscheidend dafür sein, welche weiteren Schritte unternommen werden. Die Cyber-Profis werden zunächst versuchen, die Verschlüsselung des Systems aufzuheben. Das kann gelingen – wenn die Hacker noch Anfänger sind oder nicht besonders gut gearbeitet haben. Dann ist ihnen die Gegenseite einen Schritt voraus. Klappt das nicht, muss man sich an die Wiederherstellung des Systems machen. Entscheidend dabei ist, ob es ein funktionierendes Back-up der Daten an einem sicheren Ort gibt. Sonst muss im schlimmsten Fall alles neu aufgesetzt werden – sofern alle gespeicherten Daten verfügbar sind.

Polizei informieren

Mittlerweile arbeiten bei der Polizei rund 500 Spezialistinnen und Spezialisten für Cyberkriminalität. Sie können zwar in der Regel bei der Wiederherstellung nicht helfen, stehen aber ebenso wie das CERT-Team gerne mit Rat und Tat zur Seite – etwa wenn es darum geht, den Überblick zu behalten, die nächsten Schritte zu planen oder auch den Kontakte zu bestimmten Fachleuten herzustellen. Vor allem aber ist es wichtig, eine Anzeige zu erstatten. Denn nur dann kann die Polizei aktiv werden. Immerhin fast 40 Prozent der Hackerangriffe wurden im Vorjahr aufgeklärt.

Wer Lösegeld zahlt, trägt mit dazu bei, dass das System so weiterläuft.

Wolfgang Rosenkranz, Leiter CERT.at

Besser nicht zahlen

Immer wieder wird darüber diskutiert, Lösegeldzahlungen bei Hackerangriffen gesetzlich zu untersagen – zumindest für Gebietskörperschaften und andere staatliche Organisationen. Darüber, wie viele Firmen und Organisationen einfach zahlen, das Geld als „Deppensteuer“ abschreiben und keine weitere Meldungen machen, kann nur spekuliert werden: Manchen Schätzungen zufolge sollen es fast 70 Prozent sein. Vor allem wenn die geforderte Summe überschaubar ist, mag das verlockend sein: Immerhin brauchen die Erpresser kaum mehr als ein paar Mausklicks, um die Verschlüsselung der IT wieder aufzuheben und den Spuk zu beenden. Die Polizei rät aber davon ab, ebenso Cybersecurity-Experte Rosenkranz. Auch wenn es Hacker gerne so darstellen: Es handelt sich dabei nicht um ein Geschäft unter Ehrenleuten. „Es gibt keine Garantie, dass man die Daten wiederbekommt“, sagt Rosenkranz. Und selbst wenn: Man ist den Internet-Piraten weiterhin ausgeliefert, weil sie nun wissen, wie das System zu knacken ist. Bald darauf kann die nächste Forderung kommen. Rosenkranz nennt aber noch ein anderes Argument, warum man kein Lösegeld überweisen soll: Denn mit diesem Geld können Hacker neue, bessere Software kaufen, um künftig noch besser zu arbeiten. „Wer zahlt, trägt dazu bei, dass das System weiterläuft.“

Datenschutzbehörde informieren

Um eine Meldung an die Datenschutzbehörde kommen Sie nach einem Hackerangriff nicht herum. Immerhin habe fremde Leute mit feindlichen Absichten potenziell Zugriff auf alle von der Gemeinde gespeicherten Daten. Oft wird auch mit deren Veröffentlichung oder Verkauf gedroht, um der Lösegeldforderung Nachdruck zu verleihen. Im schlimmsten Fall kursieren höchstpersönliche Informationen ihrer Gemeindemitglieder im Darknet oder gar auf einfach zugänglichen Seiten. In diesem Fall hilft nur ehrliche und transparente Aufklärung der Öffentlichkeit, vor allem aber die Information der Betroffenen. Denn was einmal im Netz ist, verschwindet nicht mehr.

Neu und besser schützen

Es ist mühsam, zeitaufwendig und teuer: Aber irgendwann gelingt die Wiederherstellung oder Neuaufstellung des IT-Systems. Die Zeit bis dahin sollte auf jeden Fall genutzt werden, um auch die Sicherungssysteme neu und besser aufzustellen. Auf gar keinen Fall sollten Sie alles beim Alten belassen. Denn die Kriminellen aus dem Internet haben nun den digitalen Generalschlüssel zu Ihrer Gemeinde. Es reicht nicht, die Eindringlinge hinauszuwerfen. Sie brauchen auch ein neues und besseres Schloss. 

Die Erste Hilfe im Falle eines Hackerangriffs

  • Ruhe bewahren. Jetzt bloß keine Panik. Als Laie können Sie nichts am IT-System ausrichten. Am besten die Computer gar nicht angreifen.
  • Notfallplan. Im besten Fall haben Sie einen Notfallplan aus Papier in der Schublade, mit den wichtigsten Infos und Kontaktadressen.
  • Polizei. Die Polizei sollte rasch alarmiert werden. Die Aufklärungsquote ist beachtlich, aber die Beamten können nur bei einer Anzeige tätig werden. In der Regel stehen sie auch mit Ratschlägen und Kontakten zur Verfügung. Auch das CERT (www.cert.at) ist eine Ansprechstelle im Notfall.
  • Cyber-Experten. Nun müssen IT-Fachleute mit einer Spezialisierung auf Hackerangriffe übernehmen. Idealerweise holen Sie zur Sicherheit schon vorher Angebote ein. Im Notfall bleibt kaum Zeit zum Verhandeln.  Back-up. Es ist besonders wichtig, dass es extra gesicherte Back-ups des gesamten Systems gibt. Dann ist die Wiederherstellung viel einfacher.
  • Nicht zahlen. Experten warnen davor, Lösegeld zu zahlen. Es gibt keine Garantie, dass die Hacker dann das System wieder freigeben.
  • Besser schützen. Bevor das System wieder hochfährt, muss es besser geschützt werden. Denn die Hacker haben nun den Generalschlüssel.